Start in das kognitive Zeitalter | By Konrad Gulla

01. October 2019

Die Datenberge, die sich in Unternehmen anhäufen, werden immer größer. In der Folge wird sich der Umgang mit Wissen und Entscheidungen grundlegend ändern: Selbstdenkende und selbstagierende Algorithmen werden relevante Informationen identifizieren und Wissen für uns aufbereiteten. Die digitale Transformation lässt sich damit auch als Start ins kognitive Zeitalter bezeichnen.

Die Elektrifizierung Anfang des 20. Jahrhunderts veränderte die Welt grundlegend. Neue Automatisierungsmöglichkeiten revolutionierten Wirtschaft und Gesellschaft. Ein solch einschneidender Wandel findet aktuell wieder statt: die Digitale Transformation. Ihr Ziel ist es, alle Bereiche des Arbeits- und Privatlebens mit selbstdenkenden und -agierenden Algorithmen vorhersehbar zu machen. Diese „Kognifizierung“ stellt Gesellschaft, Unternehmen und Individuen vor große Herausforderungen, bietet aber parallel immense Chancen. So wie sich Unternehmer vor 100 Jahren mit dem Einsatz von Elektrizität zur Verbesserung von Produkten und Automatisierung von Arbeitsschritten beschäftigten, so sollten wir uns heute die Frage stellen, welche Produkte oder Services mit kognitiven Fähigkeiten ausgestattet werden können.

Ein Empfang mit offenen Armen

Warum war der iPod kein Sony-Produkt? Weil Apple eine digitale Transformation im Musikmarkt erkannte und sie, anstatt sich der Veränderung zu sperren, annahm und vorantrieb. Diese Offenheit für Verändung ist einer der Gründe, warum Apple heute zu den wertvollsten Unternehmen der Welt zählt.

Das Gleiche gilt für Netflix und Blockbuster. Netflix hat die digitale Transformation im Entertainment-Markt begriffen und vorangetrieben, anstatt sich der Veränderung entgegenzustellen. Heute gewährt Netflix seinen 150 Millionen zahlenden Kunden nicht nur schnellen On-Demand-Zugang zu Filmen und Fernsehsendungen, sondern produziert und vermarktet zudem eigene Filme und Shows.

Datenmassen – Vom Problem zum Vorteil

Heute sehen 47% aller Unternehmen das Datenwachstum als größte Herausforderung an. Bis zu 30 Prozent der Arbeitszeit geht verloren, weil Mitarbeiter bestehendes Wissen nicht finden und daher erneut erstellen. Bei der Masse an Servern, Services und genutzten Geräten ist das auch nicht verwunderlich.

Das Marktforschungsunternehmen IDC prognostiziert bis 2025 ein Anwachsen des Datenbergs auf 175 Zetabytes. Gespeichert auf BlueRays ergibt das einen Stapel, der 23 Mal bis zum Mond reicht. Ein effektiver Umgang mit diesen Informationsmengen kann nicht durch neue manuelle Prozesse erreicht werden, sondern einzig durch „Kognifizierung“ – welche die Datenmaßen gleichzeitig zum größten Wettbewerbsvorteil für Unternehmen werden läßt.

Wenn wir Ray Kurzweil, einem der bedeutensten Erfinder und Vordenker unserer Zeit mit einer Vorhersagegenauigkeit von 86%, Glauben schenken können, dann werden im Jahr 2030

  • Tausend-Dollar-PCs mehr als 1000 Mal leistungsfähiger sein als das menschliche Gehirn.
  • Smart Wearables durch permanente oder austauschbare Implantate erstetzt und damit die Grenzen zwischen analoger und digitaler Realität aufheben.
  • der Großteil der Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen und nicht zwischen Menschen und Menschen stattfinden.
  • wir in unseren Gesellschaften die Rechte von Robotern und Digitalen Intelligenzen diskutieren.
  • Computer ohne menschliche Hilfe lernen sowie neues Wissen schaffen und einige am Internet angeschlossene Computer buchstäblich jede öffentliche Information, wissenschaftliche Entdeckung, Bücher und Filme sowie jede öffentliche Aussage von Menschen kennen.

Der Umgang mit Wissen und Entscheidungen wird sich in den nächsten zehn Jahren grundlegend ändern. Verantwortlich dafür werden kognitive Knowledge Discovery Plattformen sein: Basierend auf dem, was eine Person weiß, interessiert, tut und getan hat, werden diese smarten Plattformen automatisch relevante Informationen identifizieren und Wissen für uns aufbereiteten.

Persönliche Digitale Intelligenzen, die unsere Interessen, den Grad unseres Fachwissens und unser professionelles Netzwerk kennen, und all dies kontinuierlich mit öffentlich zugänglichem, unternehmensinternem und bezahltem Wissen vergleichen, werden uns helfen, bessere Fragen zu stellen, Zusammenhänge schneller zu verstehen und nachvollziehbarere Entscheidungen zu treffen.

Augmented Reality Anwendungen werden es Mitarbeitern ermöglichen, jederzeit mit Informationen zu interagieren und unsere analoge Welt mit der digitalen Welt so verschmelzen, dass die den Knowledge Plattformen zugrundeliegenden Daten maßgeblich über Unternehmenserfolg und -misserfolg entscheiden werden.

Messen, analysieren, verstehen und vorhersagen

Folglich müssen Unternehmen schon heute Maßnahmen ergreifen, um zukünftig all ihre Daten messen, analysieren und verstehen zu können. Das gilt für Daten aus bestehenden Datenquellen, aber vor allem auch für Daten, die heute nicht oder nur umständlich erhoben werden können.

Diese Daten sind die Grundlage dafür, dass Algorithmen neue Muster aufdecken und für uns unsichtbares Wissen extrahieren können. Ein Beispiel hierfür ist ein von Google entwickelter Algorithmus, der auf die Identifikation bestimmer Augenerkrankungen trainiert wurde. Dies funktioniert über Fotos der Rückseite des Auges, welche durch die Pupille aufgenommen werden (retinale Fundusbilder). Seit mehr als 100 Jahren werden diese Bilder zur Erkennung von Augenerkrankungen verwendet. Deep-Learning-Modelle können diese Netzhautbilder nun auch verwenden, um Alter, Geschlecht, Raucherstatus und den systolischen Blutdruck eines Patienten zu erkennen. Sie können kardiovaskuläre Risikofaktoren berechnen und das Risiko von Herzproblemen für die kommenden fünf Jahren vorhersagen. Ausgebildete Ärtze erkennen dieses Wissen nicht, obwohl sie in den Bildern vorhanden sind. Es stellt sich die Frage: „Welches Wissen sehen wir nicht, obwohl es sich in unseren Daten befindet?“

Die Elektrifizierung Anfang des 20. Jahrhunderts führte innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten zur Computerisierung und dem Eintritt in das Informationszeitalter. Wohin uns die Kognifizierung in den kommenden Jahrzehnten führen wird, kann man nur vermuten. Aber sicher ist, dass gut aufbereitete und zugängliche Daten die Grundlage sein werden.

Der Autor

Konrad Gulla ist Gründer und Chief Visionary, Keeeb Inc. Wenn Konrad Gulla nicht gerade neue Lösungen erforscht und entwickelt, um die Nutzung von Wissen und damit das Treffen wichtiger Entscheidungen zu verbessern, beschäftigt er sich mit Themen rund um die Zukunft des globalen Klimas, Bildung im kognitive Zeitalter, und wie neue Technologien unsere globale Gesellschaft näher zusammenführen und für alle verbessern können.

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